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Konflikt-Gespräche in Partnerschaft und Familie

 

Streiten verbindet

Wo Paarbeziehung ist, wo Familie ist darf und „muss“ gestritten werden. Streit und Konflikt sind notwendig, damit Beziehung und Vertrauen wachsen kann. Streiten verbindet. Auf das WIE kommt es an. Wir können miteinander eine Kultur des Streitens entwickeln. Das Gegenteil von Streitkultur ist Krieg. Beziehung braucht Wärme. Schmelzwärme („Wir haben uns lieb!“) ist genauso wertvoll wie Reibungswärme („Wir sind verschieden!“). Achtsames, gewaltfreies, ja liebevolles Streiten mit unseren Kindern ist ein großer Beitrag für den Weltfrieden. Konflikte friedlich auszutragen, lernen Kinder durch unser erwachsenes Vorbild.

 

Kommunikation nach dem Vorbild der Indianer

Der Familienrat basiert auf einer alten, festgelegten Tradition der Indianer, Wichtiges miteinander zu besprechen, Entscheidungen zu treffen oder Konflikte zu lösen. Die Indianer saßen im Kreis und benutzen einen Rede-Stab. Nur der, der ihn in der Hand hält, spricht, die anderen hören zu. Wenn alles gesagt ist, wird der Stab im Urzeigersinn weitergegeben.

Der Familienrat bewährt sich als wertvolles (Heil-)Mittel bei verschiedensten Problemen, die im Miteinander entstehen:

  • Konflikte zwischen Mutter/ Vater und Kind: z.B. weil sich Kinder von den Eltern ungerecht behandelt fühlen, Aufräumen und Ordnung, Dauer der Handy-, Computer- oder Fernsehzeit, Mitarbeit im Haushalt, Bettgehzeiten; bei Jugendlichen Umgang mit Alkohol oder Zigaretten usw., Heimkehrzeit von nächtlichen Ausflügen

  • Konflikte zwischen den Geschwistern „ich will zuerst…“, „das ist meins, nicht deins…!“

  • Bevorstehenden Entscheidungen, die Eltern für die Familie treffen wollen oder müssen; die verschiedenen Sichtweisen, Erfahrungen und Bedürfnisse der Kinder und Eltern werden gehört und ausgetauscht. Z.B. „Wo machen wir Urlaub?“, „Wie feiern wir Weihnachten?“, „Was machen wir am Sonntag?“

 

 

 

Familienrat/ Beziehungsrat

 

Beim Familienrat geht es ums Zuhören, weniger ums Reden, denn gesprochen wird nur von einem, zugehört von der Mehrheit der Familie. Die Kraft des Rates entfaltet sich über das Zuhören. In bestimmten Situationen hören wir unseren Kindern/ Parner nicht „mit dem Herzen“ zu, sondern mit dem Verstand. Der Verstand will eine möglichst optimale und schnelle Lösung des Problems finden. Es geht beim Familienrat nicht darum aktiv Lösungen für Probleme zu finden, indem zum Beispiel „Zimmer-Aufräum-Pläne“ erstellt werden, oder Zeitpläne für gerecht verteilte Mitarbeit im Haus. Im Familienrat geht es nicht darum, Lösungen aktiv herbeizuführen, indem Kompromisse angestrebt werden oder das gegenseitige Zuhören verkürzt wird, indem Entscheidungen per Abstimmung gefällt werden. Es geht einzig um den Prozess des Zuhörens, ganz nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“. Der gemeinsame Weg ist das Fühlen, Denken und Tun des Anderen tiefer zu verstehen.

 

Haben wir im Familienkreis wohlgesonnene Zuhörer, baut sich ein gutes, heilsames Feld auf, in dem sich Konflikte auf überraschende, kreative Weise lösen können. Das Feld des Zuhörens ermöglicht dem Sprecher sich tiefer und offener zu zeigen.

In allen wichtigen Beziehungen haben wir das Bedürfnis vom Gegenüber gesehen und gehört zu werden. Alleine der Versuch des Anderen, sich in meine Welt einzufühlen, entspannt mich. Wenn zwei Personen im Kreis im Konflikt stehen, können die anderen, „unbetroffenen“ Zuhörer durch ihr Mitgefühl mit beiden Konfliktpartnern deren Horizont erweitern. Als Zeugen sehen sie die Kontrahenten und deren Konflikt aus einem anderen Blickwinkel.

Indianer-Regeln für die ganze Familie

  1. Am Familienrat nimmt die ganze Familie teil. Auch kleine Kinder wollen gehört werden.

  2. Schafft einen ausreichenden Zeitraum, indem ihr miteinander absolut ungestört beraten könnt (keine nahe liegende Termine, kein Radio/Fernsehen, kein Handy). Setzt euch in eine Runde „im Kreis“, in der jeder jedem in die Augen sehen kann.

 

  1. Die ganze Wirkung des Familienrates beruht auf dem Rede-Stab. Niemand, auch nicht Vater oder Mutter (!) darf den Anderen, während er den Stab in den Händen hat, unterbrechen. Der Stab kann auch ein Stein oder irgendetwas anderes, Schönes sein.

 

  • Der Sprecher gibt den Stab an den nächsten in der Runde im Uhrzeigersinn weiter, wenn er alles gesagt hat. Nur er bestimmt, wann er fertig ist.

  • Niemand muss etwas sagen, der Stab darf ohne zu sprechen weitergegeben werden.

  • Der Stab macht solange mehrmals die Runde, bis jeder das Gefühl hat, sich ausgesprochen zu haben. Geht der Rede-Stab einmal durch den Kreis, ohne dass gesprochen wird, ist der Rat zu Ende.

  • Alle Themen sind erlaubt: Wünsche, Klagen, Probleme, Pläne, Mithilfe im Haushalt, Taschengeld, Finanzen oder Essen. Es können auch Dinge besprochen werden, die nichts mit der Familie zu tun haben, z. B. Sorgen mit Freunden oder in der Schule. Der Rat ist ein Raum des Mitteilens und Mitfühlens für Freudiges und Leidiges.

  • Trotz der strengen Vorgabe des Rede-Stabes, zuzuhören und nicht dazwischenzureden, ist es möglich, sich im Rat aufeinander zu beziehen. Z.B.: „Das, was du vorhin erzählt hast, Karin, macht mich traurig, weil…“ oder „Ich würde dich bitten, Martin, wenn der Redestab bei dir ist, mir zu erklären, warum du das Zimmer nicht aufräumen wolltest…“, „wie ich dir vorhin zugehört habe, wurde ich total wütend, weil…“

  • Der Rat ist ein geeigneter Raum um Konflikte, die offen oder unterschwellig in der Familie sind, anzusprechen. Konflikte, die die Eltern auf der Paarebene haben, werden ohne Kinder besprochen.

  • Wenn aus einem Konfliktgespräch jemand als „Sieger“ oder „Verlierer“ herausgeht, hat noch kein wirkliches Zuhören stattgefunden.

  • Am Ende des Rates muss keine Lösung eines Konfliktes/Problems stehen. Das ist nicht das Ziel des Rates. Der Weg ist das Ziel. Es genügt, wenn jeder sich in einem strukturierten Rahmen mitteilen kann und in Ruhe gehört wird.

 

Wirkliches Zuhören entfaltet im Laufe der Zeit eine eigene Kraft, die von innen nach außen wirkt. Spannung und Schmerz wollen genauso mitgeteilt und mitgefühlt werden wie Freude und Glück. Irgendwann leben wir, wie von selbst –oft unbemerkt- in die Lösung hinein.

Durch den Rede-Stab und wiederholtes „Üben“ des Indianerrates werden alte Konfliktmuster durchbrochen und es entwickelt sich eine entspannte, mitfühlende Art des Streitens. Bei schweren Konflikten ist es gut, sich professionelle Hilfe zu gönnen. Viel Spaß beim Familienrat wünschen Euch Florian Hauch und Martina Mondini!

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 Florian Hauch   Heilpraktiker 

Salinstraße 9

83022 Rosenheim

08031.37544